Was man aus zwei alten Fabrikhallen machen kann

Seit Anfang 1994 haben wir unseren Sitz in zwei von uns umgebauten und renovierten ehemaligen Fabrikhallen in der Offermannstraße in Roetgen. Hausnummer 31 bietet uns auf insgesamt 300 m² Fläche alles, was wir zur Verwirklichung unserer Vorhaben im Bereich der Jugendarbeit benötigen. Ein großer Saal mit Thekenbereich für Veranstaltungen wie den Kinderfilm, ein bunter Raum mit Sesseln möbliert zum Quatschen und Relaxen, eine Bibliothek mit großem Tisch für Vorstandssitzungen und zum Planen von Fahrten und Lagern sowie einige weitere Räume.

In der zweiten Halle befindet sich neben dem Lager für unsere Zelte und das übrige Equipment ein Werkstattbereich, den wir erst kürzlich eingerichtet haben. Dieser bietet umfassende Möglichkeiten zum Werken, insbesondere mit Holz.

Unser Bauleiter Dietmar Schütteler hat für die Festschrift zur Einweihung einen Bericht über den Umbau der Fabrikgebäude verfasst:

Der Umbau – unsere größte Herausforderung

„In der Offermannstr. sind die Rotoflex – Hallen zu verkaufen“ So hieß es irgendwann im Jahre 1988, und jeder dachte „Oh nein, nicht schon wieder dieses Thema“. Zu schmerzvoll waren die letzten 10 Jahre gewesen, in denen die Grenzlandjugend vergeblich versucht hatte, im Hause Loven in der Mühlenstrasse einen An- bzw. Erweiterungsbau finanziert und genehmigt zu bekommen.page_umbau_1
Nichtsdestotrotz, Herr Loven – unser „Chef blieb hartnäckig, und nach 2 Jahren zähen Ringens mit Verwaltungen, Politikern und Financiers war es tatsächlich so weit. Die Hallen standen der Grenzlandjugend zur Verfugung. Nun brauchten sie „nur“ noch umgebaut zu werden. Denn das war die Auflage des Kreises Aachen als Haus- und Grundstückseigentümer: die Umbaukosten trägt allein die Grenzlandjugend! Jeder, der mal ein Haus gekauft und umgebaut hat wird wissen, was es heißt, 600 m² Fläche umzubauen und mit einer neuen Heizung zu versorgen, auch wenn zunächst „nur“ die Hälfte bewohnbar gemacht werden sollte. Eine glückliche Fügung kann man es da wohl nur nennen, dass sich ein Architekt anbot – völlig uneigennützig mit enormem zeitlichen Aufwand, alle bautechnischen Dinge für uns zu lösen, die Umbauten so zu planen, dass ausgebaute Sachen wiederverwendet werden konnten, und für die übrigen zu kaufenden Materialien die günstigsten Einkaufsmöglichkeiten ermittelte. Auf diese Weise kam der Bauantrag zustande – und wurde unbeanstandet genehmigt! Schließlich war es dann soweit. Alle bürokratischen Vorbereitungen waren getan, alle Genehmigungen erteilt – wir konnten loslegen. Jetzt wurde es mir langsam mulmig. Wie oft war ich mit allen möglichen Sponsoren, Politikern und sonstigen Gönnern durch die Hallen gegangen und hatte erklärt, wo welche Wand hinkommt und was wir alles abreißen müssen – aber jetzt?

page_umbau_2

Wie lange hatte es in der Vergangenheit gebraucht, bis der „Tampen am Schothorn“ eines unserer Surfbretter wieder neu befestigt wurde, und das Entrosten des LT war eine nicht zu schaffende Arbeit gewesen. Wir paar Mitglieder, bis auf zwei Schreiner alles „Nicht-Fachleute“, zwischen 15 und 29 Jahre alt schickten uns an diesen Umbau einfach so durchzuführen? Wenn das mal gut geht.
Samstag morgen, 09.11.91 um 9:00 Uhr war es soweit. Es geht los. Zuerst heißt es, die linke Halle, welche vorher als Maschinenhalle diente, zu „entseuchen“ und als Lager für ausgebaute Teile, Baustoffe, Maschinen etc. herzurichten. Der Holzzwischenbau wurde abgerissen – und – die Teile natürlich verwahrt. Ein Haufen Leute waren gekommen, die Sonne schien und abends um 21:00 Uhr war alles fertig. Erfolgserlebnis! So kann es gelingen. Direkt am Montag ging es weiter.
Ständerwände demontieren, Teppichboden abreißen und Kleber vom Boden abschaben, Türen ausbauen, beschriften und Zwischenlagern, Fenster und Außentüren ausbauen und Öffnungen provisorisch verschließen, Wände umhauen und immer wieder Schutt fegen, Container beladen und neue Container ordern. Es lief so gut, dass einem Angst und bange wurde. Jede auftauchende Schwierigkeit löste sich fast von selbst. „Wir haben keinen Maurer“ – plötzlich sind zwei Väter da und mauern. „Wo kriegen wir Blocksteine für Außenwände und Feldbrandsteine für die Theke her“? – Da war doch noch die Firma, welche sich zu spenden bereit erklärt hatte.
Eines Abends steht ein Nachbar aus der Offermannstr. mit seinem kleinen Enkel in der Tür und meint ganz spontan „Braucht Ihr noch Hilfe?“ Klar brauchten wir, und so investierte er mal eben über 100 Stunden in unser Heim. Ich habe jetzt noch ein schlechtes Gewissen wenn ich ihn in Gedanken 30 m Kriechspeicher hin und her kriechen sehe – im Dunklen und bei Minusgraden. Es ging einfach rasant voran und der Zusammenhalt der Mannschaft war vorbildlich! Sowohl unser Vorsitzender – Herr Klonau als auch unser „Chef – waren schier sprachlos über die Fortschritte, welche die Sache machte. Nicht unerwähnt bleiben darf die gute Versorgung der „Bauenden“ durch die Mütter, welche Mittagessen kochten, durch unseren „Chef, welcher uns samstags nachmittags mit Kuchen versorgte, als auch durch unseren Architekten und seine Frau, bei denen wir nach getanem Werk noch bis spät in die Nacht saßen und planten und malten und rechneten!
Die Zeit ging schnell ins Land – Herbstsegeln ’92 steht vor der Tür – am Sonntag wollen wir uns treffen. Aber die Holzverkleidung der Fassade ist noch nicht angefangen. Und die wollen wir den Leuten doch schließlich zeigen.
Kein Problem – Samstag morgen um 8:00 Uhr treffen wir uns, das Gerüst steht seit gestern Abend, Materialien und Maschinen werden bereitgelegt und los geht es bis Sonntag morgen um 4:00 Uhr bei minus 4°C. Flutlicht aus, nach Hause, 6 Stunden geschlafen, und um 10:00 Uhr sind sie wieder bei der Arbeit. Als um 14:00 Uhr die Segler eintreffen, ist die Fassade fertig.
Herbst’ 93 – eigentlich wollten wir jetzt die Eröffnung feiern, aber der Teufel steckt wie immer im Detail. page_umbau_3
6.000 Arbeitsstunden sind bis heute geleistet worden, doch an Kleinigkeiten und auch an der Einrichtung fehlt es noch. Es spenden zwar viele Leute ausrangierte Sofas und Wohnzimmertische mit Marmorplatte; aber wollen wir uns das in unser poppig bemaltes, nach neu riechendes Jugendheim stellen? Nein, gut Ding will Weile haben. Jetzt hat es zwei Jahre gedauert – auf das halbe kommt es auch nicht mehr an. Schließlich wollen wir den Leuten ja auch etwas Gediegenes zeigen – ein Jugendheim, in dem sich ein Jugendlicher wohl fühlen kann.
Frühjahr ’94 – wenig fehlt noch, bis Mai werden wir es schaffen. Das Heim wird schon rege genutzt! Unsere Gruppen haben starken Zuwachs, auch so mancher Ältere findet den Weg in die Offermannstraße, sei es zum Billard spielen oder sei es, um tatkräftig mitzuhelfen in einem Verein, in dem junge Leute es sich zur Aufgabe gemacht haben, Kindern und Jugendlichen auf ihrem schwierigen Weg ins Erwachsensein mit Rat, Tat und vor allem mit viel Spaß zur Seite zu stehen. Zurückschauend kann ich nur sagen: es hat sich gelohnt!

Dietmar Schütteler