Pressebericht Mein Verein

Erschienen im “Wochenspiegel plus” am 03.02.1999

Die gemeinsame Erfahrung macht Kinder und Jugendliche stark

Die Worte wiegen schwer, jedenfalls auf den ersten Blick. »Einsatz für die Gemeinschaft«, »innere Grenzen überwinden«, »der Freizeit einen positiven Sinn geben«, so lauten die Ziele der Grenzlandjugend. Was in den zahlreichen Aktivitäten des Vereins dann daraus wird, kommt jedoch so überzeugend lebensfroh und unverkrampft daher, dass man an solche Begriffe wie »Verantwortung« gar nicht denken mag. Und doch: Hier lernen Kinder und Jugendliche, neben dem ganzen Spiel und Spaß, eine ganze Menge, können als Gruppenleiter handfeste Erfahrungen fürs Leben sammeln und müssen auch mal gegen Schwierigkeiten ankämpfen, scheinbar unlösbar Probleme angehen, müssen lernen, sich gegen andere zu behaupten und für andere einzusetzen.

Die Grenzlandjugend ist, nimmt man ihr Entstehungsjahr, eigentlich schon längst ein »erwachsener« Verein. 1966 von Rektor Loven gegründet, baute sie auf dessen Erfahrungen mit der Kinder- und Jugendarbeit im Untergrund des Nationalsozialismus auf. In klarer Abgrenzung zur Hitlerjugend hatte Loven Jugendgruppen geleitet und sein Engagement beinahe nicht überlebt: In Österreich entging er durch den Einmarsch der Amerikaner nur knapp seiner Ermordung im Gefängnis.

Rektor Loven hielt 1966 im Keller seines Wohnhauses in der Mühlenstrasse erste Gruppenstunden ab und gründete 1972 die Grenzlandjugend als eigenständigen Verein. Seine Leitgedanken formulierte er so:

Im Dreiländereck gegründet
Mit dem Blick nach innen und außen
Mit dem Wunsch nach Freunden
Diesseits und Jenseits der Grenzen
An der Schwelle einer neuen Zeit
Mit dem Verlangen nach Standort und Klarheit
Mit dem Drängen nach neuen Ufern
Und der Sehnsucht nach Geborgenheit
Offen für alle
Dankbar für jede Anregung
Bereit zu helfen

Die Idee des Jugendvereins stieß von Anfang an auf große Resonanz in Roetgen. Filmvorführungen und Seifenkistenrennen waren beliebte und gut besuchte Veranstaltungen in den sechziger und siebziger Jahren. 150 Kinder und Jugendliche waren Anfang der achtziger Jahre Mitglied bei der Grenzlandjugend, und der Platz im Haus Loven reichte nicht mehr aus. So machte man sich auf die Suche nach neuen Räumlichkeiten, die man 1988 in zwei ehemaligen Fabrikgebäuden in der Offermannstrasse fand.
Welche Sympathien die Grenzlandjugend inzwischen in der Bevölkerung hatte, zeigte damals wohl am besten der Umbau dieser Hallen zum neuen Jugendheim. Dietmar Schütteler erinnert sich in einer Festschrift von 1994: »Es lief so gut, dass einem angst und bange wurde. Jede auftauchende Schwierigkeit löste sich fast von selbst. Wir haben keinen Maurer – plötzlich sind zwei Väter da und mauern. Wo kriegen wir Blocksteine für Außenwände und Feldbrandsteine für die Theke her? Da war doch noch die Firma, welche sich zu spenden bereit erklärt hatte«. Der Kreis Aachen stellte die Hallen kostenlos zur Verfügung, dafür sorgt der Verein für die Erhaltung der Gebäude. Das bedeutet viel Arbeit, aber auch die Möglichkeit für Kinder und Jugendliche, ihre Gruppenräume nach eigenen Vorstellungen zu bemalen und umzubauen. Ein Förderkreis und viele Einzelspender sorgen für die notwendigen finanziellen Mittel.

Sehr vielfältig sind die Aktivitäten des Vereins. In fünf Gruppen treffen sich Kinder und Jugendliche, um zu spielen, zu diskutieren gemeinsame Unternehmungen zu planen. Geleitet werden die Gruppen zumeist von Schülerinnen im Alter von etwa 16 Jahren, die schon seit längerer Zeit in der Grenzlandjugend aktiv sind. Der offene Treff, zu dem auch Nichtmitglieder willkommen sind, wurde durch sein Internet-Cafe »Släsch« bei den jungen Leuten sehr beliebt. Fotokurse, Kinderfilm-Nachmittage und Ferienfahrten runden das Angebot ab. Natürlich gibt es auch Feten, bei denen so richtig die »Post abgeht«.

Schon die ganz Kleinen im Alter von 7 und 8 Jahren sind mit viel Spaß bei den Gruppenstunden dabei. In der jüngsten Gruppe lernen Melina, Katrin, Katharina, Anna, Brigitte, Lisa und Clara gerade mit ihrer Gruppenleiterin Carina Werker einen »Froschtanz« für Karneval. Für den großen Auftritt bei der Kindersitzung werden Kostüme und ein Bühnenbild selbst gemacht. Und was finden die Mädchen am besten bei der Grenzlandjugend? »Das Pfingstlager«, sind sich alle einig, obwohl sie noch nie mitfahren durften – die Altersgrenze liegt bei acht Jahren.

Jedes Jahr zu Pfingsten fahren die Jugendlichen aus den verschiedenen Gruppen mit Betreuern in ein gemeinsames Lager. Meistens findet dieses Wochenend-Treffen in Belgien statt, nicht allzu weit von der Heimat entfernt. Und damit kein Heimweh aufkommt, sind die Kinder von morgens bis abends beschäftigt. Mal sind die »Indianer« das Motto, und es werden Pfeil und Bogen von den Jugendlichen selbst gebastelt, ein anderes Mal findet ein »Zirkus« auf der grünen Wiese statt. Legendär ist die Nachtwanderung, bei der die älteren Jugendlichen die Kleinen als »Geister« erschrecken.

Kürzlich setzten sich die Vereinsmitglieder zusammen, um die Ziele der Grenzlandjugend im neuen Jahrtausend zu besprechen. Zeitgemäße Ideen wie das Internet-Cafe will der Verein in Zukunft noch mehr fördern, und die Räumlichkeiten in der Offermannstraße sollen gemütlicher werden. Dafür werden sich wieder viele freiwillige Helfer einsetzen; zum Beispiel haben die Jugendlichen den Bau einer »Blauen Lagune« geplant. Am wichtigsten ist für die Mitglieder jedoch das Bewusstsein, ein sinnvolles Engagement für die Gruppe zu leisten – nicht der materiellen Werte wegen, sondern um soziale Erfahrungen zu machen. Der Vorsitzende Wingolf Klonau bringt das auf den Punkt: »Regelmäßig hierher zu kommen ist natürlich ein Opfer, aber man bekommt dafür auch viel geschenkt.«